Ob Sie AN, Selbständig oder Rentner sind. Bleibt nach Abzug aller Abgaben noch Geld für ein menschenwürdiges Erdenleben übrig?

9. September 2017 0
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Teil 2 von 2      (Teil 1)  

ACHTUNG Tipp: Sollten Sie bereits über 55 Jahre sein, und in einer privaten Krankenversicherung festhängen, und spätestens bei Rentenbezug feststellen, »ich kann mir diese hohen Beiträge von der Rente überhaupt nicht mehr leisten«, dann nicht kollabieren, resignieren oder hungern. Wenn Sie Ihre Rente bekommen, gehen Sie zu Ihrem Sozialamt und beantragen eine »Bedürftigenbescheinigung« (Leistungen nach dem Zwölften Sozialgesetzbuch SGB XII), ausgestellt auf Ihr privates Krankenversicherungsunternehmen, und reichen diese ein.

Auch Solo-Selbständige, Geringverdiener, alle mit niedrigem Einkommen (unter Existenzminimum), ob privat oder gesetzlich Krankenversichert, sollten den Weg der Hilfe gehen.

Bleiben Sie stur dran, wenn Sie um Hilfe bitten müssen. Beherzigen Sie dabei am besten folgende Vorgehensweise:

  • Einen Termin für ein Beratungsgespräch und den Ansprechpartner beim Sozialamt vorher telefonisch erfragen.
  • Positiv auftreten. Je freundlicher Sie Ihr Anliegen vortragen, desto eher stoßen Sie auf Entgegenkommen.
  • Gut vorbereitet hingehen. Nehmen Sie zu einem Gespräch alle notwendigen Unterlagen mit, zum Beispiel Ihre Gehaltsabrechnung, Ihren Rentenbescheid, Beitragsbescheinigung etc., einen Zettel mit Ihren Fragen und eine Auflistung Ihrer monatlichen Kosten, – mit der Endsumme, was Ihnen letztendlich zum Überleben noch bleibt.
  • Persönlich vorsprechen! Senden Sie keine E-Mails oder Briefe. Sprechen Sie direkt mit dem Sachbearbeiter. Unter vier Augen lässt sich manches regeln.
  • Realistisch sein. Ämter sind an Recht und Gesetz gebunden. Allerdings gibt es Kann-Bestimmungen und Ermessens-Entscheidungen. Nachhaken lohnt sich also.

Treffen Sie einen freundlichen Berater an (die gibt es wirklich), werden ein bis zwei Gespräche ausreichen. Ist es dagegen ein Paragraphenfresser, bleiben Sie unbeirrt dran. Sollten Sie zum Beispiel mit Ihrer Rente / Ihrem Einkommen etwas über dem Hilfe-Satz liegen, lässt sich immer was machen. Zur Not drohen Sie mit der Kündigung Ihrer Krankenversicherung (daraufhin rücken auch die Versicherungen plötzlich mit Zusatzinformationen heraus).

Zwar besteht in Deutschland seit  2007 eine Pflicht zur Krankenversicherung, aber dann sollen die Herrschaften für bezahlbare Beiträge/Tarife sorgen. Die Einführung der Versicherungspflicht bedeutete nicht, dass die Mitglieder ihre Beiträge auch zahlen können. Außerdem wäre es gerecht, wenn Beitragszahler, die eigenverantwortlich für ihre Gesunderhaltung sorgen, einen Bonus oder Zusatzleistungen erhalten würden, und nicht zum Dank dafür, noch für Zeitgenossen aufkommen müssen, die systematisch und bewusst ihre Gesundheit ruinieren, zum Beispiel Bewegungsmuffel, Süchtige, Raucher und Alkoholiker.

Rentnerpaar mit wenig Geld
Bildurheber: Birgit Reitz-Hofmann

Angeblich haben die gesetzlichen Kassen horrende Beitrags-Außenstände (Milliarden Euros). Dafür werden hauptsächlich die Solo-Selbständigen verantwortlich gemacht … Das wird vorgeschoben, denn nachweisbare Fakten/genaue Zahlen liegen nicht vor. Tausende von Karteileichen werden nämlich geflissentlich außer Acht gelassen! Ebenso erscheinen nirgendwo die Außenstände von Arbeitgebern, die sich nicht an geltendes Recht halten, und einfach nicht zahlen.
Bei Solo-Selbstständigen wird angenommen, dass sie gut verdienende Unternehmer sind. Das bei der Beitragsberechnung angenommene Mindesteinkommen (2.231 Euro brutto = 410 Euro Mindestbeitrag) erreichen die meisten dieser Versicherten nicht einmal ansatzweise. Selbstständige müssen bis zu 46 % ihres Einkommens an die Krankenkasse zahlen. Bei Arbeitnehmern liegt der Anteil bei 8,4 %! Selbstständige müssen Arbeitgeber- und Arbeitnehmeranteil selbst zahlen. Die Folge ist, dass sie mit überhöhten Beiträgen belastet werden, die sie als Geringverdiener nicht zahlen können.

Keine der Parteien hat bisher eine praktikable Lösung  für eine angemessene Beitragszahlung vorgelegt. Die neue Bundesregierung ist gefordert, das Problem nach der Wahl vordringlich anzugehen. Eine Reform der Beitragszahlungen ist längst überfällig!
Mindestens 80.000 Menschen in Deutschland haben keine Krankenversicherung.

Übrigens ist ein geringer Beitrag den privaten Versicherungen lieber, als wenn Sie keinen Beitrag bezahlen würden. Versicherungsunternehmen dürfen Krankenversicherungen nicht kündigen!

Ist die Hilfe-Bescheinigung bei dem privaten Versicherungsunternehmen, erhalten Sie einen neuen Vertrag und zahlen die Hälfte von einem Basistarif (beantragen). Im Notfall können Sie weitere Hilfen vom Sozialamt bekommen. Der Basistarif ist zwar höher (natürlich hat der Gesetzgeber wieder seine Hand mit im Spiel), allerdings ist die anschließend zu zahlende Hälfte, um einiges niedriger als der normale Tarif – und die Selbstbeteiligung fällt weg!
Fragen Sie aber vorher Ihr Versicherungsunternehmen, ob diese Möglichkeit besteht. Es ist passiert, dass Unternehmen nicht freiwillig mit diesem Pflichttarif herausrückten.

reformen
Bildurheber: ginasanders

Zwar ist beim Basistarif die »Goldkarte« weg, und man wird »nur« wie die gesetzlich Versicherten leistungsmäßig eingestuft, doch man wird dann auch nicht mehr als Private so zur Kasse gebeten, dass man das Gefühl hat, die Praxen zu subventionieren. Es ist zuweilen unverschämt, was manche Ärzte und Labors für horrende Kosten den Privaten berechnen. Privatversicherte bekommen sogar Kleinigkeiten wie Einmalhandschuhe, Pflaster etc. in Rechnung gestellt. Fehlt noch, dass das Tempotaschentuch bezahlt werden muss, wenn sich der Arzt bei der Behandlung die Nase putzt. Was macht die private Krankenversicherung? Sie bezahlt jede Rechnung. Wir glauben, die könnten eine Menge Geld einsparen, und uns mit niedrigeren Beiträgen belasten, wenn sie die Rechnungen überprüfen und nicht blindlings bezahlen würden. Und warum gibt es in den Berechnungstabellen diese enormen Spannbreiten von … bis Euro? Das verführt doch geradezu Ärzte zur Maximalausschöpfung der Arztkosten.

Auch wenn Sie mit dem geringeren Beitrag »nur die gesetzliche Krankenabsicherung« haben, ist dieser Kompromiss geeigneter, als Haus und Hof verkaufen zu müssen, oder am Hungertuche zu nagen.

Wer eigenverantwortlich für seine Gesunderhaltung sorgt, dürfte mit einer Abstufung kein Problem haben, ist im Notfall jedoch abgesichert. Schließlich gehören wir doch nicht zu denen, die ausnahmslos ihr Wohl und Weh in Doktorhände legen, gar Hypochonder sind, Arztbesuchspassion betreiben oder lieber Pillenberge einwerfen, Spritzenmarathons absolvieren, körperliche Beschwerden fördern, oder permanent über Krankheiten lamentieren, statt sich zu bewegen … Die hätten bei einem Tarifwechsel von »Grün auf Gelb« sicherlich so ihre Probleme.

Wirklich (chronisch) kranke Menschen sollten einen Tarifwechsel genau überlegen, da ihnen eine Dezimierung der Leistungen nicht guttun würde. Wenn Sie trotzdem Ihren Beitrag nicht mehr in dieser Höhe bezahlen können, nerven Sie Ihr Sozialamt und fragen nach Beihilfen.

Da wir uns aber im Bürokratisch durchtränkten Deutschland befinden, hat nicht nur ein überhöhter Beitrag, sondern auch die Absurdität beim Basistarif ihren Platz inne. Die Versicherung fordert in regelmäßigen Abständen eine neue Hilfebedürftigenbescheinigung vom Sozialamt an, egal, ob sich die Ein- und Ausgaben jahrelang, oder gar nicht mehr verändern. Ohne Bescheinigung wird der viel zu hohe Basistarif fällig. Jetzt kommt das Schizophrene: Man macht dafür erneut seine belegbare Kostenaufstellung, und gibt folgerichtig nur den zur Hälfte zu zahlenden Basistarif an. Es ist kaum zu glauben, aber da meldet sich das Sozialamt, dass man nun über dem Hilfesatz liegt, und keine Bescheinigung bekommt. Die Versicherung sagt, ohne Bescheinigung keine Halbierung des Basistarifs. Beide Seiten schieben Gesetze vor. Jetzt versuchen Sie mal, diese Gesetzestreuen zu einer logischen Schlussfolgerung zu bewegen. Denn sobald man den vollen Basisbeitrag bezahlen würde (was man aber nicht kann), kommt man automatisch wieder in die Hilfsbedürftigkeit!
Also, wenn Ihnen von Ihrer Versicherung die Anforderung ins Haus flattert, eine neue Bescheinigung vom Sozialamt vorzulegen, Ruhe bewahren. Zuerst einmal fordern Sie dann von Ihrer Versicherung eine Bescheinigung an, in der steht, wie hoch der Basistarif ist, wenn keine Bescheinigung vorgelegt werden kann. Diese Bescheinigung legen Sie dann mit Ihrem Antrag dem Sozialamt vor. Wenn die nicht ganz neben der Spur sind, erhalten Sie Ihre Hilfebedürftigenbescheinigung nach ein paar Tagen.

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