Sind Kinder heutzutage noch glücklich? Oder verschwindet die Kindheit?

26. April 2018 0
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Ein Land mit Kindern ist ein Land mit Zukunft.
Kindern Leben zu schenken, sie großzuziehen,
ist dem Tun des Försters vergleichbar, der einen Baum pflanzt, hegt und pflegt
und weiß: Wenn dieser Baum Schatten spendet, wird er selbst nicht mehr sein.

Haben wir vergessen, wie selbständig und äußerst kreativanregend wir aufgewachsen sind? Bewegungsmangel, Einsamkeit oder Alleinsein kannten wir nicht. Irgendein Kind war immer da. Wir hatten wenig, aber doch so viel, vor allen Dingen eine Menge Spaß. Wir sind quasi in freier Wildbahn aufgewachsen, was von Generation zu Generation den Kindern immer unbekannter wird. Zwänge, Stress und Technik haben Einzug in die Kinderseele gehalten.

Sind Kinder heute so glücklich wie wir es noch waren? Ein Kind sollte nicht stundenlang im Internet surfen oder vom Fernsehen oder von Video-/Internetspielen erzogen werden. Aber genau das passiert seit Jahren. Man interessiert sich sehr für die Luftverschmutzung, aber nicht für die geistige Verschmutzung und das Verschwinden der Kindheit unserer Kinder.

Gastbeitrag (Auszug) von Thomas Stiegler

Verschwindet die Kindheit? Ja, auch wenn es niemand wahrhaben will. Doch damit verschwindet nicht nur ein romantisches Bild vom Kind als beschützenswertes Wesen, sondern diese Entwicklung rüttelt an den Grundfesten unserer Kultur.

Manchmal will ich die Dinge selbst nicht durchdenken und es schon gar nicht aufschreiben müssen. Aber ich kann nicht so tun als wäre alles in Ordnung. Was ist, wenn es stimmt? Was ist, wenn wir „die Kindheit“ wirklich unwiederbringlich verlieren? Denn ich glaube, genau das geschieht zur Zeit.
Ich will über die Kindheit sprechen. Ich möchte zeigen, dass wir heute ein massives Problem haben, weil sich unser Bild von ihr so stark verändert hat.

Zurzeit scheint kaum ein Thema so wichtig zu sein wie die Zukunft unserer Kinder. Die Buchhandlungen quellen über von Erziehungsratgebern, Förderprogrammen für Hochbegabte und Karrierefibeln für Jugendliche. Es gibt Englisch für Kindergartenkinder, Eliteprogramme für Volksschulen und Wissenschaftswochen für Gymnasiasten. Eltern scheinen mittlerweile gezwungen ihren Kindern so früh wie möglich auch noch den kleinsten Wettbewerbsvorteil für die Zukunft zu sichern.
Auch die Politik überschlägt sich in ihren Bemühungen, jedem Kind möglichst früh Zugang zur Digitalisierung zu ermöglichen, in der irrigen Annahme, so das Beste für die Zukunft unserer Kinder und unserer Gesellschaft zu tun.
Aber alle scheinen vergessen zu haben, welche Bedeutung die Kindheit in unserer Kultur hat und was sie einmal ausmachte.

Auch in den Zeitungen ist das Thema Kindheit mittlerweile angekommen. Mit hochgezogener Augenbraue findet man Überschriften wie „Unsere Abiturienten sind so ungebildet“, um dann im selben Beitrag zu erfahren, dass Goethe eigentlich nicht mehr nötig ist. Die Journalisten schreiben über das Problem der Wirtschaft keine geeigneten Lehrlinge mehr zu finden, ohne zu merken, dass sie selbst mit ihrem infrage stellen von Bildung dem ganzen Problem Vorschub leisten.
Auch die Schlagzeilen über straffällige Jugendliche zeugen von einer verbreiteten Ratlosigkeit. Denn Phänomene wie Mobbing, Schlägereien oder Alkoholmissbrauch sind schon lange keine Einzelfälle mehr, sondern ein gesamtgesellschaftliches Phänomen.

Doch noch immer wird weitgehend ausgeblendet, dass Jugendliche heute ein Verhalten zeigen, das noch vor einer Generation zur Welt der Erwachsenen gehörte, und man ist nicht bereit zuzugeben, dass sich hier ein Wandel anbahnt der zuerst die Jüngsten und Schwächsten unter uns trifft.

Zusammenfassend könnte man sagen: Anscheinend ist ein Großteil der jungen Generation nicht mehr willens in unserem Schulsystem zu lernen, einen angebotenen Arbeitsplatz zu ergreifen oder sich, ganz allgemein, in unsere Gesellschaft zu integrieren. Und das sind keine Einzelfälle, sondern hier zeichnet sich ein neues Bild von Kindheit ab.

Doch die Mehrheit der Menschen will anscheinend in dem Irrglauben beharren, dass sich nichts geändert hat. Ich höre immer wieder, dass Kinder einfach so sind, dass sie schon zu allen Zeiten so waren und sich auch in Zukunft nichts Bedeutendes daran ändern wird.
Und dass es allein wir Schwarzmaler sind die Probleme sehen, wo keine sind. Denn wir werden älter, verstehen die Welt nicht mehr und stimmen in die altbekannte Klage über die heutige Jugend ein.

Viele glauben auch, dass es nur die Medien sind, die dieses Thema aufbauschen. Denn sie sind der festen Überzeugung, dass der Lebensabschnitt der Kindheit eine unveränderliche Größe ist, die sich im Laufe der Zeit nur geringfügig ändert und an unser Leben anpasst.
Aber diese Menschen muss ich enttäuschen. Denn wenn man mit offenen Augen durch die Welt läuft, wenn man sich mit den geistigen Strömungen unserer Zeit beschäftigt und das alles mit unserer Geschichte in Verbindung setzt, dann merkt man bald, dass sich die Welt in den letzten zwanzig Jahren grundlegend verändert hat. Und dass es ein fataler Irrtum wäre zu glauben, dass diese Veränderungen nicht zwangsläufig auch massive Auswirkungen auf unsere Kinder und unser Bild von Kindheit haben.

Ein Problem ist, dass wir im Normalfall viel zu beschäftigt sind um die täglichen Veränderungen in unserer Umwelt zu bemerken. Es ist wie das Gleichnis von dem Frosch im Topf, der viel zu spät bemerkt, dass das Wasser auf der Herdplatte langsam heißer wird. Bis es für ihn zu spät ist.

Denn auch wir haben uns an ein Bild der Kindheit gewöhnt, das nichts mehr mit dem zu tun hat, wie es noch vor einer Generation in unserer Kultur verbreitet war. Deshalb ist es wichtig, einmal einen Schritt zurückzugehen, das Gesamtbild zu betrachten und das, was heute geschieht, geschichtlich einzuordnen. Und dann zu versuchen den Lebensabschnitt der Kindheit zu definieren. Zu sehen, ob sie rein biologisch bestimmt ist oder ob es dafür auch gesellschaftliche Ursachen gibt.

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Heute sehen wir kaum noch ältere Kinder, die sich mit Kinderspielen beschäftigen. Verstecken, Fangen oder stundenlang im Wald Räuber und Gendarm spielen sind Dinge, die aus ihrer Welt verschwunden sind. Stattdessen beschäftigen sie sich viel zu früh mit Dingen der Erwachsenenwelt, sei es nun Surfen im Internet oder dem bewussten Training für eine Sportart.

Man bemerkt auch, dass es kaum noch einen Unterschied zwischen Erwachsenen- und Kinderkleidung gibt. Fast scheint es so, als sei die These, dass Kinder in einer eigenen Welt leben und deshalb auch eine von Erwachsenen abweichende Kleidung brauchen, verschwunden. Oder achten wir einmal darauf, wie sich die Sprache der Erwachsenen und Kinder angeglichen hat. Wie die Dinge aussehen mit denen wir sie umgeben. Oder was ihre Hobbys sind, ihre Wünsche und Träume. Das alles entspricht nicht mehr dem Bild von Kindern das wir aus unserer persönlichen Geschichte kennen und auch nicht dem Bild, das in den letzten 150 Jahren zum fixen Bestandteil unserer westlichen Kultur gehörte.

Denn vor kurzem herrschte noch ein vollkommen anderes Bild von Kindern. Das wichtigste Merkmal war, dass die Welt der Kinder und die der Erwachsenen klar voneinander abgegrenzt war. Das geschah einerseits aus dem Bewusstsein heraus, dass man die Kinder vor der Überforderung der Erwachsenenwelt beschützen müsse. Aber vor allem sah man sie als noch nicht reife Lebewesen die „gebildet“ werden mussten um am Leben der Erwachsenen teilzunehmen.

Und dieser Gedanke des „gebildet werden“ gibt einen wichtigen Hinweis darauf, dass unser gesellschaftliches Konstrukt der Kindheit nicht ausschließlich biologische Ursachen hat. Sondern dass es vor allem eine Kulturtechnik war, die uns und unsere Gesellschaft so massiv beeinflusste, dass unsere Form von Kindheit zwangsläufig entstehen musste.

Wir haben das Buch und Lesen auf hohem Niveau aus unserem Leben verdrängt. Gleichzeitig beschneiden wir die Schulen um ihren ursprünglichen Sinn und geben unseren Kindern keine umfassende Bildung mehr, sondern nur noch eine Vorbereitung für einen Beruf und eine Karikatur von Bildung anhand von Kompetenzen.

Das hat tragische Konsequenzen.

Kurzfristig verlieren unsere Kinder die Möglichkeit, in unserer Kultur ein glückliches und erfolgreiches Leben zu führen. Wir berauben sie jeder Orientierung in unserer hochkomplexen Welt und geben ihnen kein Werkzeug an die Hand, die Regeln und Werte unserer Kultur und Gesellschaft zu verstehen. Die Auswirkungen dieser Entwicklung sehen wir fast täglich in den Zeitungen.

Langfristig beschneiden wir unsere Kultur um die Möglichkeit, weiter zu bestehen.
Wenn es keine genügend große Anzahl gebildeter Menschen mehr gibt, deren Denken und menschliches Wesen sich entwickeln konnte, dann hat unsere Kultur keine Basis mehr um zu bestehen. Sie verkommt zu einer leeren Hülle in deren Ruinen wir leben werden wie die Barbaren in Rom. Es wird alles an Werten und moralischen Überlegungen verschwinden, was wir in Jahrhunderten entwickelt haben.

Und in einem ersten Schritt wird die Kindheit, wie wir sie kennen, untergehen.

Thomas Stiegler – Weitere Beiträge unter:  www.der-leiermann.com

Aber dann gibt es da noch vereinzelt Eltern (leider weiterhin vom Aussterben bedroht), die anstatt sich krumm zu legen, damit ihre Kinder es noch besser haben und auf Elite-Unis gehen können, um im Wettkampf des Lebens einen Startvorteil zu haben … Sie genießen einfach mit ihren Kindern das Leben, widmen ihnen ihre Zeit, reden mit ihnen, geben ihnen gute Bücher zu lesen, stärken ihr Selbstbewusstsein, machen schöne Reisen, feiern bunte Feste, schenken aus vollem Herzen, helfen Freunden und Fremden. Sie hinterlassen ihren Kindern nichts als die Freude am Leben und die Zuversicht, dass nach schlechten Tagen immer wieder bessere kommen, und überhaupt, dass die schlechten Tage so schlecht gar nicht sind. Das beste Vermächtnis: Liebe, Humor, Respekt, Freude, Toleranz, Anteilnahme und Großzügigkeit!

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