Liebling Auto – Warum zu Fuß gehen? Ich habe doch vier gesunde Räder …

17. August 2017 0
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»Das treffendste Wahrzeichen unserer Zeit ist das Automobil:
Rücksichtslos, egoistisch, alles niederwerfend, seine Insassen in eine Art sadistischen Rauschs versetzend und ihr Gehirn verblödend, stürmt es vorwärts,
wirbelt Staub auf und – stinkt.
«
Johann Friedrich Freiherr Cotta von Cottendorf

Rasen, Drängeln, knapp auffahren, Beschimpfen, Stinkefinger zeigen. Nirgendwo in Europa rasten Autofahrer so häufig aus wie in Deutschland. Und dabei ist die Sache, die alle Menschen, unabhängig von Alter, Geschlecht, Religion und Einkommen vereint, dass wir tief in unserem Innern alle glauben, bessere Autofahrer zu sein als der Durchschnitt. Kritik am eigenen Fahrstil zu üben, scheint für die meisten an Selbstverstümmelung zu grenzen.
Deutsche Autofahrer sind die größten Rüpel im Straßenverkehr. Das zumindest besagt eine EU-weite Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Ipsos. In keinem anderen europäischen Land ist das Verhalten am Steuer so aggressiv wie in Deutschland. Zudem herrscht ein Mangel an Verkehrswissen bei vielen deutschen Fahrern. 93 %, und damit annähernd alle Autofahrer, überschreiten das Tempolimit. Baustellen durchfahren 60 % ohne zu bremsen. Und beim Wechseln der Spur verzichten 59 % auf das Blinken. Das Auto wird von vielen als Waffe missbraucht, oder als lackierter Kampfhund angesehen.

Auto zwischen zwei Händen
Bildurheber: psychoshadowmaker

Das Auto – Deutschlands Lieblingskind, gehegt, gepflegt, der Glanz macht blind.
Gern gibt man andres dafür auf, das höchste Glück – ein Auto-Kauf.
Auch wenn die Frau für putzen geht, zur Schau gern vor der Haustür steht.
Der kleinste Weg ins Auto rein, an Umwelt denken, muss das sein?

Für viele ist es ein Statussymbol, für das sich Schulden machen lohnt.
Ein Gebrauchsgegenstand, das wäre normal, doch das kommt nicht beim Käufer an.
Eine Beule im Auto, ein Kratzer im Lack, da ist schon sehr nahe der Herzinfarkt.
Dem Goldenen Kalb darf nur nichts gescheh‘n, sonst würde die Welt ja untergeh‘n.

Im Auto fährt sich fröhlich, frei, man rast mal links, mal rechts vorbei.
Von Rücksicht hält man gar nicht viel, ich will als erster an mein Ziel.
Die Straße oft ein Schlachtfeld ist, man Sicherheit sehr leicht vergisst.
Und immer noch der Leichtsinn siegt, nicht angeschnallt oft Kinder sind.

Der Blinker Sonderzubehör, notorisch links fahr‘n keinen stört.
Geht mir nur alle aus dem Weg, ich bin ein Autobahn-Athlet.
Brutal und dumm hier sportlich heißt, ein Straßenrennen ist doch geil.
Ich bin ein Könner im Verkehr, die and‘ren, ja, die stören sehr.

Nah auffahren kriminell, Mitte fahren, gar nicht schnell.
Links im Rausch abreagier‘n, mir wird eh nie was passier‘n.
Reifen quietschen, Motor heult, Tiefflug, ach wie mich das freut.
Potenzprobleme auszuleben, ja, dafür ist die Straße eben.

Nach Prüfung gibt’s den Führerschein, der ist jedoch kein Waffenschein.
Warum nur den Motor frisier‘n, um Schwächere zu attackier‘n?
Fahrschulen müssen viel mehr ran, damit man genug dort lernen kann.
Alle, die im Verkehr sich bewegen, haben im Jahr einen Test abzulegen.

In Medien Schulung für jedermann, regelmäßig, damit man dazulernen kann.
Subventionen wären hier angebracht, im Verkehr man dann weniger Fehler macht.
Doch scheinbar ist ein Rowdytum, nicht wichtig, und wer soll was tun?
Rücksicht und auch Toleranz – Ausgestorben? Firlefanz?

Verkehrsinfarkt und Unfallquoten, Kriecher und auch Fahrchaoten.
Keiner ändert was daran, jeder fährt so wie er kann.
Das Auto eine heilige Kuh, Industrie und Staat tun das ihre dazu.
Man muss was ändern, ohne Zwang, der Kollaps wird kommen, es dauert nicht lang.

Was hilft denn Verbannung aus der Stadt, solange man keine Lösung hat?
Frühere Parkplätze mit Skulpturen bestückt, das ist kein Ausweg, das ist verrückt.
Parkuhren säumen das Straßenbild, stundenlang suchen, dann parkt man wild.
Auch Strafzettel ändern nichts daran, mit Bahn-Bus-Zug kommt man schlechter an.

Am Morgen vom Auto auf den Zug umsteigen, für längere Strecken die Straße meiden.
Am Bahnhof kein Parkplatz, ansonsten nur Uhren, am Abend zurück, ein Knöllchen, die spuren.
Familienausflug mit vier Personen, weder Bahn, noch Bus, noch Zug sich lohnen.
Zu teuer ist Nah- und Fernverkehr, so lockt man keine Kunden her.

Beim Straßenverkehrsamt, die Schlange ist lang, fünf Schalter, hier meldet man Autos an.
Nur ein Schalter ist für die Abmeldung da, wer glaubt denn an weiniger Autofahr‘n?
Ihr haltet den Kauf und Gebrauch gar nicht auf, jeder kauft sich ein Auto, auf Teufel komm raus.
Egal ob die Umwelt verdreckt und versackt, wir nehmen es leicht, wer hat der hat.

Es fehlen uns Straßen und Parkplätze auch, ihr nehmt sie uns weg, doch die Steuern geh‘n rauf.
Hier beißt sich der Hund ja wohl in den Schwanz, das ist Politik, voll höchster Brisanz.
Macht endlich die Busse und Bahnen bequem, die Züge und Haltestellen hell und schön.
Verbindungen preiswert, schnell und auch gut, nur so ist das Mitfahr‘n ohne Stress und Wut.

Dann muss auch noch viel mehr Auskunft her, für Neulinge ist das Umsteigen schwer.
Schnell Hilfe und Rat per Telefon, sehr guter Service, ist was sich lohnt.
Das Auto wird nie von der Straße verschwinden, solange ihr keine Lösungen findet.
Die Maus wird doch auch nur mit Käse gelockt, löffelt aus, was ihr euch da eingebrockt.

Aus dem Gedichtsband von Wilhelmine 1992

Auto

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