Haben wir den ursprünglichen Sinn von Geschichten vergessen?

1. März 2018 0
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Machen wir uns doch einmal ein paar Gedanken über die Rolle von Geschichten in unserem Leben. Was sie uns einmal bedeuteten, und was sie wieder für uns sein könnten. Und warum wir unseren Kindern so viel wie möglich vorlesen sollten. Wir dürfen nicht zulassen, dass ihr Weltbild in erster Linie durch die digitalen Medien geformt wird.

»Das Leben der Eltern ist das Buch, in dem die Kinder lesen.«
(Aug. Aurelius)

Gastbeitrag von Thomas Stiegler

Über das Vorlesen

Heute haben wir den ursprünglichen Sinn von Geschichten vergessen. Für uns sind es nur noch Phantastereien eines überhitzten Geistes, dazu da, uns das Leben zu verschönern. Dabei hatten Geschichten seit jeher eine tiefere Bedeutung, denn ihre Aufgabe war die Erschaffung der Mythen und die Weitergabe der Überlieferungen.
Damit dienten sie immer dazu, die Welt und unsere Rolle als Mensch in ihr zu verstehen und aus dem heraus als Einzelner zu wachsen und als Gesellschaft zu bestehen.
Deshalb wurden sie auch in allen Kulturen zu genau diesem Zweck verwendet. Es gibt keine Gemeinschaft, die ohne sie auskommt. Es ist vielmehr so, dass die vornehmste Aufgabe einer Kultur darin besteht, eine umfassende Erzählung zu errichten und aufrecht zu erhalten.
Denn ohne sie wären ihre Mitglieder nicht fähig geistig gesund in ihr zu leben. Sie dient als Richtschnur für das eigene Handeln und als Halt in einer ansonsten formlosen Umwelt.

Für Kinder sind diese Erzählungen noch weit wichtiger. Denn für sie ist alles außerhalb des engsten Familienkreises beängstigend fremd und unverständlich. Aber mithilfe von Geschichten kann man ihnen nach und nach die Wahrheiten der Welt enthüllen und sie zu gesunden Mitgliedern der Gesellschaft reifen lassen.
Natürlich besitzt jede Kultur ihren eigenen Pool an Überlieferungen, denn wir leben alle in einer anderen Umwelt und wachsen mit verschiedenen Traditionen auf.
Aber wichtiger als die Unterschiede in den Erzählungen ist die Unterscheidung, die sich aus der Wahl der Kommunikationsmittel ergibt.

Denn es gibt in der Menschheitsgeschichte zwei große Veränderungen, die auf die Art der erzählten Geschichten und ihre Rolle in unserem Leben wirkten.

Die erste war der Übergang von einer rein mündlichen Kultur zu einer Schriftkultur zu Beginn des 16. Jahrhunderts. Die zweite erleben wir heute mit dem Ende der Buchkultur und ihrer Ablösung durch eine vollständig neue Medienumwelt.
Das ist von weit größerer Bedeutung als gemeinhin angenommen. Denn jedes Medium gibt einen geistigen Rahmen vor, innerhalb dessen man denken kann, und beeinflusst damit massiv die Form und den Inhalt der Geschichten die wir über unsere Welt erzählen.

Die ursprüngliche Form des Geschichtenerzählens scheint unserem menschlichen Wesen innezuwohnen. Man erlebt das immer wieder im Freundes- und Familienkreis. Wie sich durch den Kontakt mit den alten Erzählungen unser Blick auf die Welt und dadurch unsere Einstellung zu ihr verändert.

So ähnlich muss es in früheren Zeiten gewesen sein. Dass man mit den Überlieferungen einen Bezugsrahmen schuf, durch den man in der Lage war, die aktuellen Ereignisse einzuordnen und so das eigene Leben zu gestalten.

Heute leben wir in einer weitaus komplexeren Welt als früher.

Das hat nicht nur mit unserer technischen Revolution zu tun, sondern vor allem damit, dass wir in einer Buchkultur leben. Denn eine Kultur, die auf einer durch das Buch geformten Art des Denkens fußt, ist so heterogen, dass zu ihrem Verständnis mündliche Überlieferungen nicht mehr ausreichen.

Daher ist es auch so wichtig wie wir unsere Kinder an sie heranführen. Denn in unserer Kultur genügt es nicht ihnen von der Welt und der Rolle des Menschen in ihr zu erzählen. Sondern sie müssen lernen, diese Dinge über das geschriebene Wort zu verstehen.

Und auch wenn wir heute dabei sind diese Buchkultur zu verlassen, so leben wir doch noch in ihr und müssen unsere Kinder auf das Leben in ihr vorbereiten.
Denn je schneller der technische Fortschritt weitergeht desto wichtiger werden durch das Buch „gebildete“ Menschen sein.

Vergleichen wir die drei Arten des Erzählens.

Bei der mündlichen Überlieferung gibt es ein konkretes Gegenüber. Man kann den Sprecher sehen, seine Mimik und Gesten, und dadurch wird das Gesagte anschaulich. Außerdem bedeutet das einen Schutz vor Überforderung, denn ein guter Redner wird immer Rücksicht auf den Entwicklungsstand seiner Zuhörer nehmen.

Heute werden die großen Mythen unserer Zeit über das Fernsehen verbreitet. Das bringt aber massive Probleme mit sich, vor allem für die Kinder. Erstens ist das Fernsehen ein visuelles Medium und damit das intellektuell am wenigsten fordernde der drei. Außerdem sehen sie ein Massenprogramm, das auf den kleinsten gemeinsamen Nenner zugeschnitten ist, und vor dessen Überforderung wir sie kaum schützen können.

Im Gegensatz dazu ist das Buch die vollkommenste Art der Weitergabe von Gedanken und Gefühlen, denn es bietet uns nur noch Worte in ihrer reinsten Form dar. Das ist der Weg, auf dem sich das Gehirn und der Geist der Kinder am besten entfalten können. Denn sie sind gezwungen allein durch Worte in ihrer Innenwelt eigene Bilder zu erschaffen. Dadurch werden ihre persönliche Vorstellungskraft und ihre Kreativität gestärkt. Gleichzeitig bleiben sie tief verwurzelt in der Welt die sie kennen, denn sie müssen von dem ihnen Bekannten ausgehen und von dort aus neue Verbindungen zu ihr aufbauen.

Aber es muss uns auch bewusst sein, wie schwer das für die Kinder ist. Denn heute werden sie aus ihrer mündlichen Welt direkt in eine sie überfordernde Bildwelt geworfen. Ohne den geistig gesunden Weg über das Lesen.
Daher wird sie die äußere Reizarmut und innere Fülle des Buches und die Anforderung das zu verarbeiten massiv überfordern.
Denn für Kinder bedeuten neue Geschichten an und für sich schon psychischen Stress. Sie werden aus ihrer Welt gerissen und treten in Kontakt mit unbekannten Erlebnissen, Gedanken und Gefühlen. Daher wäre es unsere Aufgabe diese langsam in ihr Dasein zu integrieren.
Aus diesem Grund ist es entwicklungsgeschichtlich ein Irrsinn sie vor den Fernseher zu setzen!

Aber auch beim Buch brauchen sie unsere Hilfe, indem wir ihnen einen geschützten Rahmen bieten innerhalb dessen sie wachsen können. Die geeignetste Art dazu ist das Vorlesen. Denn das ist die vollkommene Zwischenstufe zwischen Erzählen und selber lesen, die das Beste aus beiden Welten vereint und dadurch die Kinder fähig macht ganz natürlich in diese Sphäre hineinzuwachsen. Denn sie befinden sich in der Obhut einer vertrauten Person, sie sehen und hören den Erzähler, können seine Mimik und Gestik beobachten und dadurch wird es ihnen möglich, die abstrakten Worte eines Buches mit ihrem eigenen Leben in Verbindung zu setzen.

Und so werden sie fähig später selbst zu lesen, und sich diese Welt auf eigene Faust zu erschließen. Mit allen Vorteilen für ihren Geist und ihre Zukunft.

Thomas Stiegler – Weitere Beiträge unter:  www.der-leiermann.com

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