Es gibt mehr Schätze in Büchern als Piratenbeute auf der Schatzinsel …

1. Februar 2018 0
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»Jedes Mal, wenn du ein Buch fortgelegt hast und beginnst
den Faden eigener Gedanken zu spinnen,
hat das Buch seinen beabsichtigten Zweck erreicht.«
(Janusz Korczak)

Was ist Literatur?
Natürlich weiß jeder sofort was damit gemeint ist. Allein die Definition oder die Geschichte darüber kann aber tausende von Seiten füllen.
Umfassen wir es einmal ganz kurz: Werke der Sprachkunst, schöngeistig Geschriebenes, in Büchern verewigt. Gedichte, Märchen, Sagen, Fabeln, Novellen, Romane etc. – Was es auch sei. Literatur sollte Spaß machen, lehrreich und Nachdenkenswert sein. Sie soll den Menschen Freude, Vergnügen, wunderbare Mußestunden bescheren, und in Reiche voll schönster Phantasien entführen. »Bücher lesen heißt, wandern gehen in ferne Welten, aus den Stuben, über die Sterne.« (Jean Paul)

2. Gastbeitrag von Thomas Stiegler

Der Gedächtnispalast

Es ist so schön, sich wieder mit Literatur zu beschäftigen. Einige von euch haben auch damit begonnen und lesen den Steppenwolf, den Demian oder andere Bücher von Hermann Hesse. Und schreiben mir, wie es ihnen damit geht, was sich in ihnen verändert und wie schwer es ist. Aber auch, wie sie beginnen, es wieder zu lieben.

Ich persönlich mag vor allem den Gedanken, wieder zu einem Leser zu werden. Mich mit Worten zu beschäftigen, die mich berühren. Die Träume aufbauen, von Gefühlen erzählen und dabei an mein Innerstes rühren.

Der Gedanke an dunkle Herbsttage. Ich sitze in einem einsamen Zimmer, der Nebel steigt aus den Tälern und die ganze Welt schweigt. Ein alter Stuhl, vor mir eine Kanne Tee und überall sind Bücher. An den Wänden, in den Regalen, sogar am Boden liegen sie in umgefallenen Stapeln. Und ich lehne mich zurück und lese.
Doch obwohl das so schwer ist, merke ich, wie mich das Lesen wieder gefangen nimmt. Wie es meine Gedanken beansprucht und versucht, mir in die Seele zu greifen.
Ich bekomme Sehnsucht, den nächsten Schritt zu tun. Wieder ein Mensch zu werden, der abseits steht. Abseits des alltäglichen Hamsterrades, abseits von Nachrichten, Verwertbarkeit und der Jagd nach Erfolg und Unterhaltung.
Beim Sinnieren über den „Steppenwolf“ ist mir ein altes Spiel eingefallen. Für mich war es mehr als das, aber um es zu erklären, muss ich ein wenig ausholen. Um euch dann anschließend einzuladen, es auch einmal zu versuchen.
Erinnert ihr euch an den Schluss des Steppenwolfs? Wie Harry Haller im magischen Theater stand und sich zwischen den vielen Türen entscheiden musste? Eine jede war ein Symbol für eine andere Geschichte. Begebenheiten aus seiner Jugend, Erlebnisse, die er sich wünschte, Möglichkeiten, die er hatte und nie ergriff. Und alle konnte er in der „Phantasie“ erschaffen und noch einmal erleben.

Das, was Hermann Hesse hier beschrieb, praktizierten Gelehrte schon vor Jahrhunderten. Und es deckt sich mit dem, was Gehirnforscher heute in ihren Untersuchungen zeigen.
Für den menschlichen Geist sind Phantasien ebenso real wie wirkliche Erlebnisse. Wenn wir die Augen schließen und uns gedanklich in eine Situation begeben, sie intensiv mit allen Sinnen „durchleben“, dann macht das für unser Gehirn und unseren Körper kaum einen Unterschied zur Realität.
Es gibt genügend Beispiele für diese Effekte und im Sport und in verschiedenen Therapieformen werden sie heute ausgiebig genutzt.
Wieso ich das alles erzähle? Nun, weil man diese Art des „magischen Theaters“ auch benutzen kann, um mit den Werken unserer Kultur zu „spielen“. Man kann es dazu verwenden, in die Kunstwerke einzutauchen und sie intensiv nachzuerleben.

Einen zweiten Versuch dieser Art beschrieb Hermann Hesse Jahre später im „Glasperlenspiel“. Die Ordensmitglieder der „pädagogischen Provinz“ Kastalien versuchen, die Werke unserer Kultur zu bewahren.
Das hauptsächliche Werkzeug dafür ist das Glasperlenspiel, eine geistige Verbindung von Literatur, Musik und allen anderen Arten von Wissenschaften, an die man sich mit Hilfe von Zeichen erinnert. Die man in sich auferstehen lässt, miteinander in Beziehung setzt und im Lauf des Spiels in sich „durchlebt“.
Dieser Gedanke Hesses ist seit Jahrzehnten befruchtend für Menschen auf der ganzen Welt.

Bevor ich zu dem System komme, das ich für mich erfand, lasst uns noch einen kleinen Umweg beschreiten.
Vor langer Zeit wurde eine Methode erfunden, mit der man sich an verschiedene Dinge erinnern kann. Nicht nur an so einfache wie bestimmte Begriffe oder Jahreszahlen, sondern an alles in seinem Leben, das man bewahren will.
Die Technik nennt sich Gedächtnispalast und ist wahrscheinlich vielen dem Namen nach bekannt. Dabei wird in der Phantasie ein Palast erbaut, den man mit den Dingen füllt, die einem etwas bedeuten. In den Regalen, auf Statuen oder auf den Tischen liegen die Bücher oder einfach nur Notizen an die man sich erinnern will.
Wenn man eine Erinnerung sucht, dann begibt man sich in seiner Vorstellung in den Palast, geht an den Ort, an dem man sie abgelegt hat und holt sie wieder hervor.

Und jetzt will ich endlich zu dem kommen, was ich früher für mich erfand. Eine Methode, um mich in andere Seinszustände zu versetzen, in andere Gedanken und Gefühle einzutauchen.
Denn damit würde ich gerne wieder beginnen. Und vielleicht habt ihr auch Interesse daran.
Und am besten starten wir mit Hermann Hesse. Stellt euch ein Zimmer vor und richtet es ein. Hängt ein paar Bilder an die Wand, vielleicht den Regenmacher oder eines in dem Hesse Erde brennt. Verteilt Gegenstände, die ihr mit ihm verbindet und vor allem die Bücher, die ihr von ihm gelesen habt.

Jetzt nehmt euch etwas ungestörte Zeit, schließt die Augen und betretet das Zimmer. Stellt euch vor, wie ihr hineingeht, die Bilder anseht, die Brise riecht, die durch das Fenster streicht und die Gardinen bauscht. Versucht zu fühlen, in euch hinein zu lauschen und alles aufzunehmen. Den Geruch, die Farben und die Emotionen, die sie in euch auslösen. Und dann nehmt eines seiner Bücher zur Hand. Versucht, euch nicht nur an die Geschichte zu erinnern, sondern sie nachzuerleben und eure Gefühle wieder auferstehen zu lassen.
Lasst ein Bild erstehen und seid mit allen Sinnen dabei. Probiert euren Geist aufzuspalten. Seid in dem Zimmer, seid Leser des Buches und gleichzeitig eine Figur aus dem Buch. Erlebt die Erzählung. Versucht, für ein paar Minuten in dem Raum und in dem Buch zu sein und in ihnen zu leben.
Ist das nicht wunderschön? Es ist vielleicht seltsam. Es klingt vielleicht albern oder gar lächerlich. Aber, ist es nicht wunderschön?

Und das könnt ihr mit allem machen, was euch wichtig ist.
Ein Zimmer für Schubert, für Monet oder Rodin. Denn von Mal zu Mal wird es euch leichter fallen und ihr werdet mehr Genuss und Gewinn aus den Kunstwerken ziehen, als ihr euch heute vorstellen könnt.

Thomas Stiegler – Weitere Beiträge unter:  www.der-leiermann.com

Lyrik

Hermann Hesse war Zeit seines Lebens ein Suchender. Nicht nur sein großes dichterisches Werk, das ihm 1946 den Nobelpreis einbrachte, auch sein Lebenslauf legt Zeugnis davon ab. In seiner Geburtsstadt Calw, wo er am 2. Juli 1877 zur Welt kam, verbrachte Hesse im Kreise der Familie seine Jugendjahre, die prägend blieben und an vielen Stellen Eingang in seine Bücher gefunden haben. 1904 zog er in ein altes Bauernhaus in Gaienhofen am Bodensee, um fortan als freier Schriftsteller zu leben. 1911 unternahm er eine Indienreise und übersiedelte kurz darauf in die Schweiz, zunächst nach Bern und 1919 schließlich nach Montagnola (Tessin), wo seine reichste Schaffensperiode einsetzte und er 1962 starb. Die Bewältigung von persönlichen Krisen ist einer der Brennpunkte in Hesses Werk, in dem es aber auch um Fragen der Religion und der Politik geht.

»Ein Haus ohne Bücher ist arm,
auch wenn schöne Teppiche seine Böden
und kostbare Tapeten und Bilder die Wände bedecken

(Hermann Hesse)

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  • lyrik: alphaspirit

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