Auch wenn es schwerfällt … Wer loslässt hat die Hände frei, die Gegenwart zu leben und die Zukunft zu greifen.

22. November 2017 0
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Wir sind wieder mittendrin, in einer besinnlichen Zeit, in der uns irgendwie das Gefühl beschleicht, über Dinge nachzudenken und das Jahr vielleicht schon einmal Revue passieren zu lassen. Das Novemberwetter animiert zu gemütlichen Stunden Daheim, bei Kerzenlicht, schöner Musik und heißen Getränken. Viele genießen diese Zeit, wie der farbenprächtige Herbst bald in den (hoffentlich) kalten Winter übergeht. Andere wiederum hetzen gewohnheitsgemäß in der Vorweihnachtszeit dem Konsumzwang hinterher, um dann beim eigentlichen Weihnachtsfest fix und fertig zu sein.

Wer kennt das nicht, sich dann wieder einmal (wie jedes Jahr) vorzunehmen, mit mir nicht mehr? Klar, es fällt schwer von alten Gewohnheiten oder Ritualen Abschied zu nehmen, sich von seinen eigenen (oder die der anderen?) Ansichten zu befreien. Loszulassen von Dingen, die einem eigentlich nicht mehr guttun. Altes hinter sich zu lassen bedeutet aber Freiheit, und die Chance, Neuem entgegenzugehen. Manchmal ist es wirklich besser, mit einem Lächeln loszulassen, als mit Tränen festzuhalten. Denn nicht Loslassen wollen bedeutet, dass wir in einer Situation verharren, die unserer seelischen und körperlichen Gesundheit schadet, und uns daran hindert, unsere Fähigkeiten auszuschöpfen. Loslassen ist ein Energiesparprogramm für unsere Seele.

Wir haben Angst loszulassen. Wir haben Angst, wirklich zu leben.
Weil leben loslassen lernen bedeutet.
Es liegt eine tragische Komik in unserem Festhalten.
Es ist nicht nur vergeblich, sondern es beschert uns genau den Schmerz,
den wir um jeden Preis vermeiden wollten.«
(Sogyal Rinpoche)

Wir finden die nachstehende Geschichte sehr passend zu dem Thema „Loslassen“.

Es war einmal eine Frau, die stand am Ufer eines Flusses. Sie hatte gehört, dass auf der anderen Seite das Leben einfacher sei, bunter, schöner und aufregender. Neuland hieß die Welt da drüben, und wer davon zu ihr gesprochen hatte, dem blitzten die Abenteuer aus den Augen. Die Frau war nicht zum ersten Mal hier. Immer wieder mal hatte ihre Sehnsucht sie an dieses Ufer gelockt, an dem sie dann mit hängenden Armen gestanden war, zerrissen von der Mutlosigkeit und dem Traum von einem ganz anderen Leben. Ängste und Zweifel hatten dann wie hungrige Ratten an ihr genagt und ein Chor von ja-aber-Stimmen ihr leises ich-möchte übertönt.
Sie war mehrmals umgekehrt und hatte sich, nicht ohne Erleichterung, still in die vertraute Eintönigkeit ihres gewohnten Alltags eingereiht. Eine Weile hatte sie Schritt gehalten, doch die Unzufriedenheit mit dem, was sie tat und dem, was sie unterließ, hatte stetig zugenommen. Auch die Betäubung durch ihre rastlosen Versuche, das Unbehagen auszuhalten, ließ beunruhigend nach. Nun stand sie also erneut hier, und diesmal war es anders.
Sie hatte einen riesigen Rucksack gepackt mit Dingen, von denen sie sich beim besten Willen nicht trennen konnte. Er war so groß und so schwer, dass sie vom Tragen und Schieben und Ziehen schon einen Teil ihrer Kraft verbraucht hatte. Jedoch dieses Mal wollte sie nicht mehr umkehren. Das Neuland da drüben, das war ihr Ziel. Nun sah sie aber keine Brücke, kein Schiff, und an Schwimmen war gar nicht zu denken.
Sie erschrak, als plötzlich fast lautlos das kleine Boot des Fährmanns durch das Schilf glitt. Der Fährmann war ein eigenwilliger alter Kauz, der gelegentlich, nur wenn er Lust hatte, Reisende übersetzte.
Er legte sein Boot an, starrte befremdet das sperrige Gepäck und dann die Frau an. »Hast Du vor, Dich hier mit Deinem gesamten Hausstand anzusiedeln?« schnarrte er nicht gerade freundlich. Die Frau, die den Fährmann als einen Wink des Schicksals sehen wollte, schüttelte erleichtert den Kopf. »Nein, nein, ich möchte auf die andere Seite des Flusses, und ich wäre Dir sehr dankbar, wenn Du mich hinüber bringen würdest.« Der Alte krächzte bissig: »Dich überzusetzen wird wohl angehen, doch Neuland betritt man nur mit leichtem Gepäck. Da wirst Du Dich erst noch von einigem verabschieden müssen.«  (Inge Wuthe)

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